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Konzertreihe BÉTON  BRUT & BRUITS – Neue Musik trifft auf Architektur

BÉTON BRUT & BRUITS ist eine Konzertreihe zu und in brutalistischer Architektur. An den vier Terminen im November und Dezember ist Musik für Schlagzeug, Player Piano, Posaunen Quartett und Ensemble zu hören, die auf klare Konstruktion und Schallhärte abzielt und das verwendete Material wertschätzt, so wie sie es vorfindet. Zu den Orten des Geschehens werden so vielfältige Bezüge entstehen.

BETON SICHTUNG ergänzt die Konzerte: Alexander Kleinschrodt führt die Konzertbesucher in kurzen Rundgängen durch die Gebäude der Aufführungsorte und zeigt die Besonderheiten der brutalistischen Architektur auf. Als Konzertorte wurden spannende Vertreter des Brutalismus ausgewählt, wie die Kirche Hl. Johannes XXIII und das Hörsaalgebäude der Universität Köln.

Programm

22. NOVEMBER, Kirche Hl. Johannes XXIII Berrenrather Str. 127, 50937 Köln 

17:30 Uhr und 19:15 Uhr: Brutalismus-Rundgang mit Alexander Kleinschrodt, Treffpunkt jeweils am Eingang des Gebäudes

18:00 Uhr AMPICO player piano, Musik von Nancarrow, Tenney, Johnson 

20:00 Uhr: composers slide quartet, Musik für Posaunenquartett von Hoffmann, Black, Lucier, Maiguashca, Sowa (UA) 

24. NOVEMBER, Universität zu Köln, Hörsaalgebäude Universitätsstraße 35, 50931 Köln 

19:15 Uhr: Brutalismus-Rundgang mit Alexander Kleinschrodt, Treffpunkt am Eingang des Gebäudes

20:00 Uhr: Emil Kuyumcuyan, Musik für Schlagzeug von Xenakis, Sarhan u.a. 

21. DEZEMBER, Kunstraum Fuhrwerkswaage, Bergstraße 79, 50999 Köln-Sürth (Linie 16, Haltestelle Sürth Bahnhof)

19:15 Uhr: Brutalismus-Rundgang mit Alexander Kleinschrodt, Treffpunkt am Eingang des Gebäudes

20:00 Uhr hand werk, Musik für Ensemble von Xenakis, Power, Maierhof, do Nascimento (UA) 

Programmtext von Alexander Kleinschrodt

BÉTON BRUT & BRUITS ist eine Konzertreihe zu und in brutalistischer Architektur. An den vier Terminen ist Musik für Schlagzeug, Player Piano, Posaunen Quartett und Ensemble zu hören, die auf klare Konstruktion und Schallhärte abzielt und das verwendete Material wertschätzt, so wie sie es vorfindet. Zu den Orten des Geschehens werden so vielfältige Bezüge entstehen.

Neue Musik trifft auf die Architektur des sogenannten Brutalismus – schon rein gefühlsmäßig scheint an dieser Kombination etwas dran zu sein: Beide, die Kunstmusik der letzten Jahrzehnte wie auch die Sichtbetonarchitektur vor allem aus den sechziger Jahren, brechen mit hergebrachten Vorstellungen des Schönen. Sie sind anders, aber dennoch klar zu erkennen, wenn man mit ihnen konfrontiert ist. Beide sind herausfordernd, können aber auch sehr unmittelbar und suggestiv sein. Am deutlichsten aber scheinen sie verbunden zu sein durch die Ablehnung, die ihnen vonseiten einer Mehrheitsmeinung entgegenschlägt. Wenn Musik gut bildungsbürgerlich als „bewegte Architektur“ gilt, vermeintlich beruhend auf denselben „Gesetzen“ von Harmonie und Proportion wie die Säulentempel der Antike, was ist dann mit der Neuen Musik? Ist sie die schallgewordene „Bausünde“?

Wenn jetzt die Reihe BÉTON BRUT & BRUITS mit vier Konzerten einen Kontakt herstellt zwischen Bauwerken der Nachkriegsmoderne in Köln und Neuer Musik, dann gibt es dafür aber noch andere Gründe. Zugegeben: Aktuell ist der Brutalismus fast schon zu einer Retro-Mode geworden, denn seit einiger Zeit laden Designfreunde in sozialen Netzwerken massenhaft Schwarzweissfotos von markanten Bauten der Sechziger hoch. In den Möbelhäusern warten derweil Einbauküchen und Couchtische in „Beton-Optik“ auf Käufer. Auch die Ausstellung „SOS Brutalism“ im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt wurde ein außergewöhnlicher Erfolg. Ihr Anlass allerdings waren die vielfach zu beobachtenden Abrisse brutalistischer Bauten und das zunehmende Verschwinden einer ganzen Zeitschicht aus den Städten. „Rettet die Betonmonster!“, forderte deshalb die Frankfurter Ausstellung: Schaut Euch diese Sachen an, es könnte sonst bald zu spät sein. An dieser Wiederbesichtigung beteiligt sich auch BÉTON BRUT & BRUITS.

Was gibt es dabei aus Sicht der Neuen Musik zu entdecken? Zunächst einmal spannende Orte, interessant schon deswegen, weil sie lange weitgehend unbeachtet waren. So wie die Kirche Hl. Johannes XXIII, die im Innenhof eines Studentenwohnheims liegt. Von der Berrenrather Straße kommend biegt man um eine Ecke und steht vor – ja, vor was eigentlich? Einer grotesk unübersichtlichen Ansammlung von Betonrahmen, einer monumentalen Skulptur aus einer vergessenen Kunstepoche? Im Inneren klärt sich dann das Bild. Ein weiter, überraschend heller Raum öffnet sich, in der Mitte steht ein Pfeiler, von dem ausgehend die sich kreuzenden Linien der Deckenkonstruktion auch einen symbolischen Sinn bekommen: Man steht scheinbar unter einer Baumkrone. Der 1968/69 errichtete Kirchenraum wird von der Katholischen Hochschulgemeinde noch immer rege genutzt. Aber auch darüber hinaus kann er neu angeeignet und bespielt werden, wie die beiden Konzerte von BÉTON BRUT & BRUITS, die hier stattfinden, zeigen.

Generell sind solche Bauwerke der Nachkriegsmoderne natürlich Zeugnisse einer Zeit, in denen Köln eines der Zentren der Neuen Musik war. Zahlreiche im Nachhinein als bedeutend geltende Uraufführungen fanden hier statt und das Studio Elektronische Musik am WDR war ein Anziehungs- und Treffpunkt für Komponisten nicht nur aus der Bundesrepublik. Währenddessen erfand Köln sich auch architektonisch-städtebaulich neu. Es entstanden zum Beispiel die Hahnenstraße mit der „Brücke“, der Neubau des Wallraf-Richartz-Museums (heute Museum für Angewandte Kunst) oder auch das Wohnhaus des Architekten Oswald Mathias Ungers in Müngersdorf, eines der frühesten Beispiele des Brutalismus in Deutschland. Köln war damals in beiden Bereichen, in der Neuen Musik und in der Architektur, ein wichtiges Experimentierfeld. Die entsprechenden Kölner Szenen kennen heute natürlich ihre eigenen bedeutenden Vorgeschichten. Voneinander wissen sie aber bisher relativ wenig.

Gerade die Kirchen aus der Nachkriegszeit, von denen es in Köln so viele bemerkenswerte gibt, haben eine charakteristische Gemeinsamkeit mit bestimmten Innovationen in der Neuen Musik. In der ersten Hälfte der sechziger Jahre tagte in Rom das zweite Vatikanische Konzil, das auf eine umfassende Modernisierung, ein „Heutigwerden“ der katholischen Kirche ausgerichtet war. Sichtbarster Ausdruck dieser Bemühungen sind die räumlichen Verhältnisse in den damals errichteten Kirchen: Der Altar rückte in die Mitte und die Gläubigen an ihn heran, manche Sakralräume ähnelten jetzt Amphitheatern und gelegentlich gab es statt schweren Bänken nur noch eine je nach Bedarf veränderbare Bestuhlung. Dialog und Mitwirkung waren Schlüsselworte in diesem von Aufbruchsstimmung geprägten Umfeld. Auch wenn es keinen direkten Zusammenhang gibt: Die Parallelen zu dem sich zur gleichen Zeit in der Neuen Musik verstärkenden Interesse an alternativen Aufführungsformen und einem Öffnen des traditionellen Konzertformats sind eigentlich gar nicht zu übersehen.

Übereinstimmungen gibt es auch zwischen der Anmutung brutalistischer Bauten und den ästhetischen Spielregeln der damaligen Neuen Musik. Das Leitbild jener Architektur, die mit dem leider ziemlich missverständlichen Label „Brutalismus“ versehen wurde, war das demonstrative Vorzeigen des Baumaterials und eine anschauliche Konstruktionsweise. Beim Hörsaalgebäude der Kölner Uni etwa prägt diese Auffassung die Fassadengestaltung, der rohe Beton („béton brut“ im Französischen) verschwindet nicht mehr unter irgendwelchen Verblendungen. Wo hier die Hörsäle sind, das lässt der Bau schon von Außen leicht erkennen. Dem Anspruch, dass sich aus grundlegenden konstruktiven Entscheidungen in logischer Schrittfolge ein Endprodukt ergeben soll, fühlten sich damals auch Komponisten verpflichtet. Der Wunsch nach Ableitbarkeit einer ganzen Komposition von einem übergeordneten rationalen System hatte für die „avancierte Musik“ bis in die sechziger Jahre fast den Charakter einer Ethik, ähnlich wie die Forderung nach „Materialgerechtigkeit“ in der Baukultur.

Auch wenn man philosophisch schon lange vorher über das Verhältnis von Musik und Architektur spekuliert hatte, sind die Nachkriegsjahre dann die Zeit, in der diese Beziehung sich sehr viel konkreter als zuvor auch realisiert. Henri Pousseur zum Beispiel verglich die nun verfügbaren elektronischen Klänge mit einem „neuen Baustoff“. Am deutlichsten werden die Austauschbewegungen zwischen beiden Gebieten wohl am Beispiel von Iannis Xenakis, dessen Musik auch bei BÉTON BRUT & BRUITS ihren Platz haben wird. Xenakis war als Architekt ausgebildet und hatte im Büro des Maßstäbe setzenden Architekten Le Corbusier gearbeitet. Konstruktive Ideen aus seinen Architektur-Entwürfen übersetzte er dann in musikalische Strukturen und verwirklichte Raummusik-Projekte wie die „Polytopes“.

Die möglichen Kontaktflächen zwischen Neuer Musik und brutalistischer Architektur sind zahlreich. Trotz allem aber sind die Bezüge zwischen den klingenden und den gebauten Modernismen nicht einfach von sich aus da. Sie müssen gesucht, hergestellt und von der Gegenwart her ausgearbeitet werden. BÉTON BRUT & BRUITS begibt sich auf diese vielversprechende Suche – und das genau zum richtigen Zeitpunkt.